Der böse Wolf
 

Es ist eine zahlreicher gleichlautender Geschichten: Der kleine Junge, elf Jahre alt, begegnete dem bösen Wolf in Menschengestalt, der ihn in den Wald lockte und ihn dort missbrauchte, ihm all seine Träume und Hoffnungen zusammen mit der glücklichen Kindheit raubte. Das Kind wurde depressiv, versagte in der Schule wie im Leben, wurde unheilbar krank. Erst zehn Jahre später wagte es den Schritt, sich zu offenbaren. Der Wolf – mittlerweile Leiter eines Kinder- und Jugendclubs – wurde angezeigt, doch durch den Druck ihrer Umwelt weigerten sich weitere Opfer auszusagen. Das Verfahren wurde eingestellt.
 

In ihrer Not druckten Angehörige Flugblätter und verteilten sie überall im Ort, um andere Eltern zu warnen, ihnen das unsägliche Leid zu ersparen – vergeblich. Freunde wurden zu Feinden, bis die gesamte Familie letztendlich mit dem Rücken zur Wand stand, den ganzen Ort gegen sich.
 

Sie wurden auf Schmerzensgeld verklagt. Der Wolf gewann in jeder Hinsicht.
 

Das Schlimmste an dieser Geschichte ist jedoch etwas anderes: Es scheint, als wenn die Verleumdung in den Augen eines Großteils der Bevölkerung ein schwerwiegenderes Delikt darstellt, als die Verbrechen des Täters. Nur wenig Trost wurde gespendet, wenig Verständnis aufgebracht für den verzweifelten Versuch, etwas gutzumachen, das nicht gutzumachen war. „Auch ein Kindesmissbrauch rechtfertigt keine Hexenverfolgung“ – Worte, die wie Häme klingen, bedenkt man, dass der Täter nach wie vor unbescholten arbeiten und leben kann und das mit Schutz und Einverständnis eines ganzen Dorfes, während ein junger Mann nach wie vor unter den Folgen der schlimmen Tat leiden muss.

So schlimm eine ungerechtfertigte Verleumdung sein mag, so verständlich ist doch der Wunsch, Unschuldige zu bewahren, die Wiederholung eines solchen Verbrechens zu verhindern.

Statt dessen sind wir gezwungen, unseren Kindern jegliche Möglichkeit auf Autonomie zu nehmen, sie auf Schritt und Tritt zu verfolgen, sie dadurch ihres selbständigen Lebens zu berauben. Und wenn wir sie dann doch aus den Augen lassen müssen, gesellt sich zur Erinnerung an die Geburt die schmerzhafte Angst vor dem Verlust des Kostbarsten, das uns auf der Welt gegeben wurde.

Fazit: Es gibt keine Jäger mehr, die unsere Kinder vor dem bösen Wolf retten.
Und das schlimmste ist: Wir selbst sind dazu nicht in der Lage.